Seit über zehn Jahren veranstalten Rita und Udo Weigel diesen Klassiker, der sich bereits zu einem Zeitpunkt in der Oldtimerszene etablieren konnte, als das Motorwandern höchstens als Relikt aus den dreißiger Jahren bekannt war. "Wir reisen selber leidenschaftlich gerne und möchten unseren Gästen die Möglichkeit bieten, im Kreise Gleichgesinnter und unbehelligt von Stoppuhr und Druckschlauch Fahrzeug, Land und Leute zu genießen." Diese Maxime des Oldenburger Lehrerehepaars gilt bis heute unverändert und führte 2008 eine Gruppe von 30 Fahrzeugen von Oldenburg in den nördlichen Teil Schleswig-Holsteins. Ein nicht ganz alltäglicher Passagier berichtet von seinen Eindrücken einer wunderschönen Sommerwoche.
Tierische Perspektiven
Gestatten, mein Name ist Idefix. Mein Herrchen sagt, ich sehe fast so aus wie der Schnuffi von Obelix – ein bisschen bunter zwar und größer, aber mit den gleichen Knickohren und Knopfaugen. Zum vierten Mal sind wir jetzt mit Rita und Udo unterwegs – ich bin also schon ein alter Küsten-Tour-Hase…äh, Hund und gespannt, was uns in diesem Jahr erwartet.
Alles geht schon mal etwas anders los als in den Vorjahren. Herrchen hat nämlich ein neues Auto an Land gezogen, einen 107er, wie er sagt – zu Deutsch einen Mercedes 280 SL. Ist ja ganz niedlich in seinem himmelblauen Lack, aber für mich ist es doch recht eng geworden. In der Limousine konnte ich mich auf dem Rücksitz so richtig breit machen, hier muss ich mich auf der Gepäckablage zusammenrollen. Und dann wollte Herrchen da auch noch einen Koffer unterbringen – also ehrlich, ich bin doch kein Meerschweinchen! Hat er aber auch selbst gemerkt und ihn gegen eine Reisetasche getauscht.
Wie ein Familientreffen
Die 700 Kilometer von der Oberpfalz nach Bad Zwischenahn haben wir jedenfalls alle heil überstanden, und meine Bäume im Kurpark und drumrum sind auch noch alle da. Ich kenne sie bestens, weil wir da immer im gleichen Hotel wohnen, direkt am Zwischenahner Meer, wo wir uns pudelwohl fühlen. Mit einem großen Begrüßungs-Hallo freut sich der erste Teil der Oldtimer-Familie über das Wiedersehen: Hella und Günter Simon mit ihrem Mercedes 220 B Cabrio, Irmtraud und Dieter Fröbe sind mit einem 220 A Cabrio da, Wolf und Elisabeth Ponndorf mit einem 170 S Cabrio. Und auch unsere Freunde aus Zwickau, die unter anderem für akustische Leckerbissen zuständig sind: Im Jaguar XK 120 von Ingrid und Richard Hentschel röhrt ein unvergleichlicher Reihen-Sechszylinder und im Morgan von Brigitte und Jochen Mehler ballert ein Leichtmetall-V8. Als ehemaliger Boxen-Fiffi weiß ich dergleichen zu schätzen, habe ich doch früher meine beiden Junior-Chefs zu Kartrennen begleitet.
Offiziell gestartet wird am nächsten Tag in Oldenburg, doch spät abends habe ich eine Weile daran gezweifelt, ob das alles auch planmäßig klappt. Frauchen und Herrchen waren mit vier Freunden zum Aalessen verschwunden, tauchten mitten in der Nacht wieder im Hotel auf und sind recht geräuschvoll in ihr Körbchen gefallen. Aber komischerweise sind beide taufrisch am nächsten Morgen, die Sonne macht dem Sonntag alle Ehre und lukt durch die Wolken, und als Herrchen das Verdeck zurückgeklappt und sich hinters Lenkrad geklemmt hat, glänzen seine Augen wie meine Knopfäuglein nach dem dritten Knochen.
Reisen ohne Druck
Um 10.00 Uhr setzt sich die Karawane Auto für Auto in Bewegung und rollt durch die Wesermarsch Richtung Wesertunnel. Die Landschaft ist da wirklich platt wie 'ne Briefmarke, die saftig-grünen Weiden zuweilen unterbrochen durch kleinere Flecken oder Einzelgehöfte, immer mit ein paar Bäumen drumherum als Windschutz (oder für meine Kollegen). Nach dem lauten Tunnel geht's weiter durch das Land Wursten – eine symphatische Ecke mit vielen Bäumen an den Straßen, aber heute leider auch mit immer mehr Wolken, von denen eine dann kurz vor der Elbe prompt ein Loch bekommt. Innerhalb weniger Meter platzt der Regen hernieder, da durfte Herrchen mächtig flitzen, dass der kleine Hellblaue sein dunkelblaues Häubchen aufbekommt.
Am Fähranleger ist der ganze Spuk schon wieder vorbei, ich gönne mir eine kleine Gassi-Runde und Herrchen ein paar Benzingespräche mit einigen anderen Reisenden, denn wir stehen uns über eine halbe Stunde die Reifen platt. Nördlich von Hamburg ist die Fähre der einzige Elbübergang, und auf die Idee, über Land zu fahren, kommen halt viele.
Kulturschändung in Sieseby
Aber dann lockt Glückstadt mit der Aussicht auf Mittagsrast im "Kleinen Heinrich", einem gemütlichen historischen Backsteinbau am Rande des kopfsteingepflasterten Marktplatzes, den man extra für uns gesperrt hat. Leider bleibt keine Zeit mehr, um die herrliche Sternen-Parade anzuschauen, die der ortsansässige Mercedes-Club aufgeboten hat (Herrchen hat aber auch immer soviel Hunger!), denn die zweite Halbzeit Richtung Kiel ruft. Dafür geht's jetzt offen weiter, wir tangieren die Ausläufer der Holsteinischen Schweiz und laufen in ein sonntägliches verwaistetes Kiel ein, wo wir auf den letzten paar hundert Metern noch eine falsche Abzweigung erwischen. Obwohl mitten in der Stadt, liegt das Hotel im Grünen, am Rande eines kleinen Parks mit vielen Bäumen (Rita und Udo denken wirklich an alles). Zum Abendessen darf ich heute auch mit in einen schönen großen Saal mit herrlich duftendem Buffett, aber das wiederum darf ich nur erschnüffeln.
Der nächste Tag führt uns nicht nur durch die herrlichen Wald- und Wiesenflächen von Schleswig, sondern macht auch einen Abstecher in die Filmwelt – dazu später mehr. Zunächst gibt's nämlich ein wenig Aufregung, zunächst mit dem Roadbook. Einer Baustelle sind sowohl eine verzeichnete Abzweigung als auch ein Wegweiser zum Opfer gefallen, was bei einem Teil der Truppe Irritationen auslöst und zu Irrwegen führt. Und dann der Crash beim Stopp in Sieseby: Rammt doch tatsächlich ein blinder Maulwurf namens Lkw-Fahrer sein profanes Lasterblech in den herrschaftlichen Alu-Kotflügel des Rolls-Royce Sedanca, in dem Urs und Irene Roth samt Familie per Achse aus der Schweiz angereist sind. Es ist zum junge-Hunde-kriegen – das ist kein Blechschaden, das ist Kulturschändung! Zum Ausgleich besuchen wir eine der ältesten friesischen Wehrkirchen und erfreuen uns an der schönen Lage der Schlei.
Reise durch die Filmwelt
Wieder im Auto, fängt Herrchen nach wenigen Kilometern plötzlich an zu lachen: In der Tat geht es da in Richtung Schnarup und Thumby – klar, wir sind ja in der Heimat von Brösels legendärem Klempnerlehrling Werner. Und genau auf dieser Strecke wollten die beiden Super-Cops Bruno und Helmut seine schwarz geteerte Horex madig machen, was aber die Freunde vom Rockerclub MC Klappstuhl nachhaltig zu verhindern wussten – volles Roääär!
Zur Mittagsrast steuern wir den Dorfkrug von Deekelsen an, womit wir beim zweiten Setup wären. Die gemütliche Kneipe und die beschauliche Kleinstadt kennen wir aus der Fernsehserie "Der Landarzt", in realiter Hotel Aurora in Kappeln an der Schlei. Dort, wo Walter Plathe, Heinz Reincke und Gerhard Olschewski Karten kloppen, lassen sich (natürlich nur) die Zweibeiner jetzt ein saftiges Roastbeef mit Bratkartoffeln schmecken und stärken sich für die Weiterfahrt nach Glücksburg. Ein schöner Ort, denn ich darf mit Frauchen den Schlosspark der weißen Wasserburg erkunden, während Herrchen sich in den herzöglichen Gemächern und in der Folterkammer herumdrückt.
Es darf geschweißt werden
Am Abend schlägt nicht nur die Stunde des Kochs im "Historischen Krug" in Oeversee, sondern auch die unserer traditionell mitreisenden technischen Erste-Hilfe-Truppe. Bereits bei einer Ortsdurchfahrt ist uns der regungslose MG TC von Klaus und Tamara Klump aufgefallen, der sein Nachtquartier auch prompt Huckepack erreicht: Die Schweißnaht am linken Hinterachsflansch hat ihren Dienst quittiert, die Motorkraft läuft ins Leere. Ali, Kalle, Max und Waldemar schrauben wie die Weltmeister und kundschaften weitere hilfreiche Geister in Form einer Werkstatt aus, denn das Originalersatzteil aus dem British Empire braucht zwei Wochen. Also raus mit der Steckwelle und auf zum Schweißgerät in der Hoffnung, dass hinterher nichts quietscht und eiert. Tut es nicht, die Probefahrt absolviert der kleine Briten-Roadster erfolgreich auf allen Vieren.
Wenn wir schon in der Welt der Wikinger spazierenfahren, dann richtig. Dementsprechend steht anderntags ein Besuch im Wikingermuseum Haithabu auf dem Programm, ich muss am Auto Wache schieben –die Sonne scheint aus allen Knopflöchern. Da tut der anschließende Fahrtwind schon gut, aber noch besser ist der dicke Holztisch im Hof vom Gut Ludwigsburg, unter dem ich mich zur Mittagszeit ins Gras legen kann. In den Katakomben des Gestüts wird gegessen, anschließend das Herrenhaus und das Gelände erkundet – eine herrliche Fotokulisse für unseren alpenländischen Rolls-Royce und für den Aston Martin Open Tourer von Michael Müllmann und Claudia Binder aus Bad Zwischenahn. Im Töpferhaus in Alt Duvenstedt schlagen wir unser Quartier für die nächsten zwei Tage auf – prächtig, am Rande von Wald und See, den ich direkt vom Auto aus begutachten muss (hab' aber Ärger gekriegt, denn der Strand war leider kein weißer Sand).
Schiffe verheben
Schiffe habe ich bislang – außer ein paar Autofähren – noch nicht kennengelernt, aber dass sollte sich am nächsten Tag gründlich ändern. Wie so ein Ding von innen aussieht, weiß ich zwar immer noch nicht, aber auf jeden Fall, dass sie verdammt groß sind. Zu den Schleusenanlagen des Nordostseekanals in Kiel-Holtenau fahren wir nicht nur hin, sondern schauen sie uns auch gründlich aus der Nähe an. Über 300 Meter lang und mehr als 40 Meter breit ist allein eine Schleusenkammer. Drei dicke Pötte quetschen die da gleichzeitig rein – ein Wunder, dass Wasser da überhaupt noch Platz hat. Ein anderes Technikdenkmal – die Schwebefähre in Rendsburg – hatte leider vorübergehend seinen Geist aufgegeben. Dass wäre ja auch nochmal spannend geworden, auf einem Stück Straße über's Wasser zu fahren.
Das alles geschah an einem Mittwoch, und damit haben wir bereits die Hälfte unseres Sommerabenteurs hinter uns, als sich die Kolonne am nächsten Morgen auf den Weg Richtung Bremerhaven macht. Der Weg dorthin führt durch das Alte Land, das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet in Europa. Hier sind auch unser Oldtimerfreund Hans-Heinrich Kellermann und seine Gattin Magret zu Hause, die dort in alter Familientradition einen dieser riesigen Obsthöfe bewirtschaften. Wir halten an und machen einen ausgedehnten Rundgang, der für mich allerdings nach wenigen Metern zu Ende ist, denn Kollegin Birka aus der Familie der Schäferhunde nimmt ihren Job sehr ernst. Außerdem schwirrt mir der Blick angesichts der Tausenden Obstbäume, alle in Reih' und Glied, da soll noch einer durchblicken.
Der Dampfer nach Amerika
Schwitzen wir also ein wenig und freuen uns auf die Weiterfahrt durch die saftigen Marschwiesen an die Wesermündung, wo wir in einem supermodernen Hotel direkt am Deich landen. Die Zimmer sind ja recht schick, aber die Hauselektronik ist so fortschrittlich, dass sie gleich zweimal vergebens die Feuerwehr alarmiert. Ich habe auf meinem Zimmer von dem ganzen Balyhoo nichts mitgekriegt, aber Frauchen und Herrchen und alle Freunde müssen zu Fuß vom 19. Stock die Treppe runterkraxeln, nachdem ein Koch den Rauchmelder eingenebelt hat – da kommt richtig Freude auf.
Auch das Auswandererhaus am nächsten Morgen bleibt den Zweibeinern vorbehalten, aus dem sie leicht schwankend wieder herauskommen, denn da drinnen dümpelt tatsächlich ein Dampfer, mit dem die Leute vor über 100 Jahren nach Amerika ausgewandert sind. Nach einer Tour durch den Fischereihafen steht ein Treffen mit der Oldtimer-Interessengemeinschaft in Dedesdorf auf dem Programm, wo Herrchen angesichts einiger NSU Prinzen, eines Borgward Pritschenwagens und zahlreicher anderer Raritäten wieder glänzende Augen bekommt.
Auf ein Neues
Und dann? Tja, dann sind wir nach einem weiteren Stopp auf dem Marktplatz von Westerstede wieder am Ausgangspunkt in Bad Zwischenahn – hallo Hotel, hallo Bäume, hallo Freibier! Wir richten uns nochmals für zwei Nächte häuslich ein, um am letzten Tag die regionale Kulturgeschichte zu erkunden. Die Ruine der großen Klosteranlage in Hude wird ebenso in Augenschein genommen wie das größte deutsche Freilichtmuseum in Cloppenburg, dass uns die bäuerliche Plackerei vergangener Tage erahnen lässt. Das muss schon ein Hundeleben gewesen sein – von wegen warmes Körbchen und spazierenfahren.
Als dann auf den letzten Metern zum Hotel endgültig das Roadbook zugeklappt wird, schaut Herrchen ein wenig traurig – schon wieder ist es vorbei, unser Sommerabenteuer, worauf er sich sooo lang gefreut hat. Morgen heißt es dann Abschied nehmen von all jenen lieb gewonnenen Menschen, die alle mit ihm eines gemeinsam haben: die glänzenden Knopfaugen, wenn sie an einem historischen Lenkrad drehen dürfen. Aber vorerst wird nochmal kräftig gefeiert – na, denn Prost bis zum nächsten Jahr!
(Herzlichen Dank an H. Schumacher und seinen Hund Idefix für diesen wunderschönen Reisebericht!!!)

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Herrlicher Reiseartikel!